Ich verlasse das Internetcafé und bin wieder alleine. Ich hab ein bißchen Hunger, aber nicht wirklich viel. Trotzdem gehe ich in das nahgelegene MC-Donalds und esse dort etwas, hauptsächlich um die Zeit zu vertreiben. Auch wenn ich mit ihr hier gegessen habe, es erinnert mich nicht zu stark an sie. Um 6 Uhr bin ich wieder in der Jugendherberge. Am liebsten wäre es mir, wenn es schon morgen wäre. Ich liege im Bett oder laufe im Zimmer auf und ab und denke nach, um mir die Zeit zu vertreiben. Wie im Gefängnis. Später vertreibe ich mir die Zeit mit Sudokus, danach fange ich wirklich an, mit meinem Handy rumzuspielen. Um 22 Uhr gehe ich ins Bett. Ich habe keinen neuen Mitbewohner bekommen, aber irgendwie stört mich das gar nicht. Ich liege keine 5 Minuten im Bett, da klingelt mein Handy. Eine SMS von Maja, wir können uns morgen um 10 Uhr treffen. Ich hatte erst am nächsten Morgen damit gerechnet, dass sie sich meldet, aber ich freue mich natürlich darüber. Und dennoch befürchte ich die ganze Zeit, dass irgendwas dazwischen kommen könnte.
Um 7 Uhr wache ich auf und kann nicht mehr schlafen. Aber jetzt stört es ja niemanden, wenn ich jetzt schon im Zimmer rumturne. Ich lasse mir extra viel Zeit bei allen Sachen, damit es schneller 10 Uhr wird. Doch beim Frühstück habe ich absolut keinen Appetit wegen des Gedankens an das Treffen. Ich packe mir meine 2 Brötchen ein, mache mich auf den Weg und bin viel zu früh da. Um 10 Uhr ist sie nicht da, aber wenn man mit der Bahn fährt, kann es immer sein, dass man zu spät kommt. 5 Minuten später ist sie da, aber wir schweigen uns fast nur an. Es ist einfach nur bedrückend. Ich weiß nicht, was sie mir sagen wird und ich weiß nicht, wie ich ihr all das sagen soll, was ich ihr sagen will. Im Prater setzen wir uns auf eine Bank und ich darf zuerst sagen, was ich denke. Sie hört mir nur zu und kann mir letztendlich nur zustimmen. Sie denkt genau dasselbe wie ich. Ich bekomme ein paar Antworten, auf die wichtigsten Fragen, andere Dinge bleiben vorerst offen.
Warum verhält sich ihr Vater so? Wir sind uns einig, dass es nichts persönliches gegen mich ich. Er ist nur felsenfest davon überzeugt, dass das nicht klappen kann und er will sie vor Enttäuschungen schützen. Irgendwie kann man das ja noch verstehen, auch wenn man das eigentlich nicht machen sollte. Irgendwann muss man lernen, dass es auch Enttäuschungen gibt. Und wie soll das so gehen?
Wie oft können wir uns noch sehen und was können wir zusammen noch machen? Sie muss heute kochen, mittags könnte ihr Vater nach Hause kommen, also verabreden wir uns im Internet. Ihr Vater hat ihr ein Programm erstellt, damit sie keine Zeit hat, sich zu mir rauszuschleichen, wenn er arbeiten muss. Morgens sitzt er im Büro, mittags könnte er zu Hause am Laptop arbeiten. Jetzt kann ich es auch nicht mehr zurückhalten: "So ein Arschloch!" Morgen werd ich sie nicht sehen, wenn es keine glückliche Wendung des Schicksals gibt. Übermorgen vormittag wollen wir uns nochmal treffen. Abends wird sie mich nicht zum Flughafen bringen können. Alles, was wir irgendwie geplant haben, können wir vergessen, das dauert zu lange, als dass wir das machen können. Mehr als uns sehen ist einfach nicht drin.
Das Wichtigste: Wie soll es weitergehen? Es gibt einige Möglichkeiten. Unrealistische, schwer durchsetzbare und schlechte Möglichkeiten. Die realistischen Möglichkeiten beschränken sich arg. Ausziehen kann sie nicht mit 18. Wie soll sie eine eigene Wohnung als Schülerin finanzieren? Unterstützung durch die Eltern? Nie im Leben, wenn sie meinetwegen bei ihren Eltern auszieht. Es wäre die schönste Möglichkeit für mich, aber es ist einfach nicht machbar und das weiß ich auch. Die zweite Möglichkeit: Wir geben uns auf. Ich fliege zurück nach Deutschland, sie ergibt sich ihrem Vater. Und dann? Schreiben, als wäre nie etwas gewesen? Unvorstellbar. Wenn ich weiter mit ihr schreibe, dann will ich sie irgendwann wieder sehen. Also müsste es ein kompletter Abschied sein, wir müssten uns bei ICQ löschen. Und was wird mit AM? Wir könnten uns immer über den Weg laufen. Wir haben gemeinsame Freunde hier. Es gibt einfach zu viele Erinnerungen, die im Internet liegen, so seltsam das auch klingen mag. Die letzte Möglichkeit: Warten. Wir haben drei Monate gewartet, bis wir uns sehen konnten, kennen uns seit 10 Monaten und wir müssten anderthalb Jahre warten. Dann würde sie ihr Studium anfangen und wollte eh ausziehen. Dann ist es kein Auszug mehr, der nur meinetwegen stattfinden würde. Aber das ist 6 Mal so viel Zeit, wie wir ohnehin schon gewartet haben. Und in der Zeit kann so vieles passieren. So vieles negatives, was positives wohl eher nicht. Was wäre denn auch positiv? Ich ziehe nach Wien? wird wohl nicht passieren. Ihr Vater gibt nach? Eigentlich undenkbar. Sie kann doch alleine wohnen? Da muss man keinen weiteren Gedanken dran verschwenden. Was kann negatives passieren? In der Zeit könnten wir beide jemand anderen kennenlernen. Wir können uns versprechen, nicht gezielt jemanden zu suchen, aber wenn wir gefunden werden, wer könnte es dem anderen verübeln, wenn man sich für das Leichtere und vor allem Sichere entscheidet? Ein Freund von Maja hat auch ein paar Möglichkeiten: es aufgeben, heiraten und durchbrennen oder aber sogar denken, dass ihr Vater recht hat. Das erste wollen wir einfach nicht, das Zweite ist einfach nur unrealistisch und das dritte... Wir sind uns eh einig, dass ihr Vater nicht denkt, dass ich was Böses von ihr will, aber ihm kann man es nicht übel nehmen, dass er das in Betracht zieht, schließlich kennt er mich überhaupt nicht. Für uns ist beide klar, dass jede Entscheidung bescheuert ist, aber es gibt nur eine, die vielleicht zu einem Happy-End führen kann: wir müssen warten.
Nach dem Gespräch gehen wir in die Stadt. Die Stimmung ist wieder lockerer, auch wenn wir die wichtigste Entscheidung noch nicht getroffen haben. Ich hatte Maja vorher was aufgeschrieben für den Fall, dass wir uns gar nicht mehr sehen würden. Sie ist neugierig und ich kann ihr die Zettel nicht vorenthalten. Auch wenn sie meine Schrift nicht wirklich lesen kann (ich biete ihr an, alles nochmal in Schönschrift zu schreiben, aber sie lehnt ab), scheint ihr zu gefallen, was sie liest. Was das genau ist, das bleibt meine Sache. Auch ich habe eine Privatsphäre (Priva...Priva-was?! :P).
Ich kaufe mir in der Zwischenzeit ein Buch für meine einsamen Stunden, sie muss sich auch ein paar Dinge besorgen und schon muss sie zurück nach Hause kochen. Drei Stunden haben wir miteinander verbracht und wir stehen vor ihrer Tür, reden und wollen uns einfach nicht verabschieden. Womöglich ist das das letzte Mal, dass wir uns sehen. Wir versuchen so weit es geht, zu planen. Morgen werden wir uns wohl nicht sehen können, vielleicht werden wir uns schreiben können, mehr aber auch nicht. Am Donnerstag vormitttags sollte es nochmal klappen, aber zu ihr können wir nicht, mein Zimmer in der Herberge hab ich dann auch nicht mehr und mein Flug geht erst gegen Abend. Egal, hauptsache das war nicht der letzte Abschied. Wir entscheiden uns, dass wir wieder warten wollen. Was letztendlich wird, können wir dann spätestens in anderthalb Jahren sagen. Ich muss sie gehen lassen, damit sie kochen kann, will erst in die Herberge zurück, entscheide mich dann aber doch anders. Ich fahre wieder in die Stadt, gehe in einen anderen Buchladen und schau mir ein paar Bücher an, um mir die Zeit zu vertreiben. Letztendlich kauf ich mir noch ein zweites Buch und mache mich auf zum Internetcafé. Moony ist da, Maja auch ziemlich bald, Nef noch nicht. Aber ich komm mir fast vor wie zu Hause. Zumindest für ein paar Stunden. Ich muss öfters Lächeln, während ich mit ihr schreibe.
Anderthalb Jahre. Werd ich das durchhalten? Ich weiß es nicht. Genauso wenig weiß ich, ob sie es durchhält. Aber wenn es doch irgendwie klappen sollte, was soll dann noch schief gehen? Eine Beziehung geht immer durch schwere Zeiten und zerbricht womöglich daran. Was ist mit einer Beziehung, die so schwere Zeiten durchlebt, bevor sie wirklich anfängt? Vielleicht werden wir es eines Tages wissen...
Wahrscheinlich hab ich wieder einiges vergessen, was ich eigentlich schreiben wollte, aber mehr fällt mir jetzt einfach nicht ein. Wieder bitte ich darum, zu kommentieren, selbst wenn es sich nur um ein "Habs gelesen" handelt.
Erneute Grüße aus Wien,
Rowe