Reisebericht (Persönliches)
Prolog: Die Meisten, die mich kennen, werden wissen, worum es geht. Diejenigen, die mich nicht kennen, können sich das Weiterlesen sparen. Das Ganze dient dazu, dass alle erfahren, was passiert ist, ohne dass ich es jedem einzeln erzählen muss. Teil 1: Es lief alles schief, auch wenn es zwischenzeitlich gut aussah. Seit September haben wir es uns vorgenommen und den Tag herbeigesehnt. Die Zeit verstrich und ich konnte aus persönlichen Gründen nicht wirklich anfangen zu planen. Irgendwann machte ich es einfach, auch auf das Risiko hin, dass es umsonst sein würde. Alleine hätte ich es nicht schafft, meine Mutter musste helfen, ohne dass sie wusste, was ich genau vorhatte. Für sie war es meine Reise nach Wien. Wie fängt man also an? Kein Flug ohne Unterkunft, die Flüge werden immer teurer, je länger man wartet... Die Hotels alleine kosten mindestens 50 Euro pro Nacht (=> 350 Euro)die Flüge ergeben über 200 Euro. Ich zögere. Ist es mir das wert? Kann sie nicht zu mir kommen? Sie könnte bestimmt bei mir unterkommen und muss keine Unterkunft bezahlen, aber ihre Eltern würden es nicht erlauben. Ich tendiere zur Aufgabe und sage es ihr: Es folgt ein Tag, als könne man nie wieder glücklich sein. Mein Entschluss steht: 500-600 Euro bedeuten mir nicht so viel wie sie! Sie ist erleichtert, hat aber bestimmt ein schlechtes Gewissen deswegen, aber der Wille mich zu sehen ist stärker. Meine Mutter wird zu Rate gezogen und sie erklärt mich für verrückt, für ein billiges Hotel soviel Geld ausgeben zu wollen. Die Hoffnung stirbt... Und doch lebt sie wieder auf: eine Jugendherberge ist billiger. Aber ich brauche einen Jugendherbergsausweis. Bekomme ich den noch auf die Schnelle? Ich muss es probieren, frage bei der Herberge an, was wäre, wenn ich keinen hätte. Keine Antwort. Ich rufe bei der deutschen Jugendherbergsverwaltung an (oder wie auch immer das hieß): Erleichterung, es klappt. Als nächstes ist die Unterkunft dran. Vor ein paar Tagen schrieb man mir, dass nur noch im großen Schlafsaal Platz ist, aber es keine normalen Zimmer mehr gäbe... egal, hauptsache es gibt noch ein Bett. Es kommt und kommt keine Antwort. Endlich kommt die Bestätigung meiner Buchung, jetzt nur noch der Flug. Wieder ist er teurer geworden: 250 Euro. Ich zögere wieder und erblicke ein Werbebanner: in 10 Minuten kann ich jeden Flug in dem Zeitraum, für den ich schaue, für 69 Euro haben. Ich kann mein Glück kaum fassen und doch gibt es wieder Probleme. Ich kann nicht per Lastschriftverfahren zahlen, weil das nur geht, wenn man den Flug früh genug bucht...meine Mutter lässt sich dazu breitschlagen, dass ich ihre Kreditkarte benutzen darf, schiebt mir aber die Verantwortung zu, wenn dabei etwas schief gehen sollte. Letztendlich schenken mir meine Eltern sogar die beiden Flüge zu Weihnachten. Es passt einfach alles, billige Unterkunft, Flug billiger - nahezu traumhaft. Jetzt steht dem ganzen nichts mehr im Weg, auch wenn ich für den Hinflug um 3:30 Uhr aufstehen muss und keine 2 Stunden Schlaf bekomme. Es klappt alles, ich reise das erste Mal ganz alleine und die Vorfreude wächst ins Unermessliche. Teil 2: Ich bin in Wien, ich habe meinen Koffer und wir sehen uns wider aller Befürchtungen sofort. (Alle Peinlichkeiten bleiben unter uns... nur soviel: wir hatten beide genug) Es ist, wie Tine mir gesagt hat. Wir sind beide zurückhaltend und reden wenig. Mein Koffer nervt, aber das lockert wenigstens die Stimmung. Wir gehen zusammen eine Pizza essen und so langsam merken wir: ja, das ist der/die aus dem Internet. Später lerne ich noch ihre zwei besten Freundinnen kennen: Kathi und Julia (Joruri-chan). Auch wenn wir uns nicht lange sehen, sie stört es nicht, dass Maja und ich uns nur per Internet kennen und ich hab die beiden fast sofort ins Herz geschlossen. Leider muss Maja mich am Abend schon recht früh alleine lassen. Teil 3: Am zweiten Tag sind wir um 11 verabredet. Um 5 vor verlasse mein Zimmer und sie wollte grade anklopfen. Wir besichtigen Schloss Schönbrunn und den Stephansdom. Abends sind wir dann bei ihr. Der Vater begrüßt mich freundlich, bietet mir verschiedene Getränke an, die Schwester lächelt freundlich und der kleine Bruder scheint mich zu mögen (laut Maja). Sie klärt ihren Vater schonend auf, wer ich genau bin... aber nur teilweise. Während ich mit ihr im Zimmer sitzend ihr Poker erkläre, betritt der Vater das Zimmer und bekundet seine Ablehnung gegenüber Glücksspielen. ("Poker ist kein Glücksspiel!", ich kann es mir nicht verkneifen.) Die Meinungen sind verschieden, dennoch hat er eine interessante Ansicht vom Ganzen. Das schlimme nur, mir rutscht etwas raus: "...bei uns in Deutschland...". es verrät mehr, als es darf, er hakt nach und mir bleibt nichts anderes übrig, als ehrlich zu antworten. Doch es scheint ihm gar nichts auszumachen, er scheint mich sogar zu mögen. Trotzdem schafft er es kurze Zeit später, mich wegzuschicken und mit Maja alleine zu reden. Ich bekomme eine SMS: sie weiß nicht, wann sie morgen vorbeikommt. Ich bin traurig, schließlich hab ich damit gerechnet, dass wir den ganzen Tag zusammen etwas unternehmen würden, aber sie hat mir zwei Bücher ausgeliehen, so dass ich wenigstens was zu lesen habe. Teil 4: Es ist 15 Uhr, sie hat sich noch nicht gemeldet. Ich schreibe ihr und sie kommt endlich. Ihre Eltern mögen mich nicht und sie ist sauer. Wir reden eine knappe Stunde darüber und schon wird sie angerufen: sie muss nach Hause. Ich begleite sie, warte draußen, ob sie noch mal raus darf und sie kommt zurück. Sie wischt noch eine letzte Träne aus dem Auge, sie hat meinetwegen geweint, weil sie mich nicht sehen darf. Wir sind ratlos, können aber nicht reden, weil die Eltern sonst noch wütender werden. Meine Idee: mein Zimmermitbewohner hatte mir angeboten, seinen Laptop zu nutzen, um online gehen zu können, ich hatte dankend abgelehnt, aber ich will ihn noch mal fragen. Er gibt mir seinen Laptop, obwohl er mich bisher keine ganze Stunde in seinem Leben gesehen hat. Ich verpasse Maja genau, schließlich kann ich das nahezu erschöpfte Internetkontingent nicht für mich ausnutzen. Trotzdem bin ich ihm unendlich dankbar, ich konnte mit Nef schreiben, sie vermittelt zwischen uns und schließlich ruf ich sie an. Maja findet ihr Handy nicht, kann mich also nicht kontaktieren und ist verzweifelt und diese Verzweiflung färbt auch ein wenig auf mich ab. Nef telefoniert mit mir und schreibt mit Maja, ihre Eltern haben ihr irgendeinen Schlimmen Vortrag gehalten. Ich muss Schluss machen und geh schlafen, so gut es geht. Teil 5: Maja meldet sich nicht. Nef vermutete verschiedene Sachen, die ich nicht glauben kann: dass sie mich nicht sehen darf, nicht mal mit mir telefonieren. Es ist Silvester und ich warte. Ich schau mir alleine ein paar Sachen an, die in der Nähe von Majas Wohnung liegen und komm mir fast vor wie ein Stalker. Nefs Vermutungen machen mich irgendwie nervös, vor allem, weil Maja weder ans Handy geht noch SMS beantwortet. Ich telefoniere wieder mit Nef (was würde ich nur ohne sie tun?!). Wenigstens habe ich dann etwas zu tun und langweile mich nicht. Dannach klingel ich bei Maja. Sie hatte gesagt, dass ihre Eltern zu Verwandten wollen, um Silvester zu feiern. Sie wollte auf keinen Fall mit. In der Wohnung ist Licht, man hört den Fernseher, aber es öffnet keiner die Tür, warum auch immer. Ich gebs auf, hoffe, dass Maja sich noch irgendwann meldet und schreibe einen Lagebericht an Nef. Sie antwortet und ich ruf sie wieder an. Es scheint wirklich so zu sein, wie sie vermutet hat. Sie empfiehlt mir, meine Eltern anzurufen und das mache ich auch. Meine Mutter kann mir nicht wirklich helfen, aber zumindest ist sie verständnisvoll (das ist keine Normalität). Plötzlich piept mein Handy, ich hab während des Telefonates eine SMS bekommen und mache schnell Schluss. Ich habe richtig vermutet, sie kommt von ihr: "Hab meine Freiheit und meinen Lebenswillen verloren, dafür mein Handy gefunden. Und ich bin nicht zu Hause, sondern auf der Neujahrsfeier, was ich besonders toll finde. Mein Vater hat gedroht, mich rauszuwerfen, falls ich mich mit dir treffe. Leb Wohl, ich werd dich vermissen. P.S.: schmeiß die Bücher am Di. in meinen Postkasten, ein schönes, neues Jahr wünsch ich dir noch und bedaure, dass du deine Zeit verschwendet hast, Maja." Es ist, wie Nef vermutet hat. Wieder greif ich zum Handy, erst ruf ich sie an, dann Nef und dann meine Mutter. Resignation bei ihrer SMS, das Telefonat mit ihr macht noch Mut. Sobald der Vater arbeiten muss, wollen wir uns nochmal sehen. Das heißt aber, dass ich Silvester und Neujahr alleine bin. Sie ist bei Verwandten, hasst ihren Vater für alles. Unser schönster Jahreswechsel wird so schlimm, wie er nur sein kann. Ich vertreibe mir die Zeit damit, diesen Weblog zu verfassen, damit ich mich nicht langweile. Teil 6: Um Mitternacht geh ich raus, das Feuerwerk ansehen. Jetzt erst bemerke ich, wie einsam ich bin. Das Feuerwerk ist groß, überall, schön... und trotzdem einfach nur beschi****. Ich muss an sie denken und frag mich, wie es ihr geht. Wohl nicht besser als mir. Teil 7: Der nächste Morgen. Wieder verlassen mich meine Zimmermitbewohner, einer, der erst den Vorabend kam und der, der mir seinen Laptop ausgeliehen hat. Jetzt fühl ich mich erst recht einsam, ich kannte ihn eigentlich nicht, aber er war mir einfach sympathisch... und das letzte bißchen, was mir noch irgendwie Halt und Ruhe gibt, verschwindet. Wenn mal alle von Anfang an so nett wären wie er... und einem nicht mit Mißtrauen gegenüber treten und fremde Personen als Lügner etc. abstempeln. Majas Vater glaubt mir nichts, behauptet zu glauben, dass ich nur "ein Abenteuer suchen" würde...Er will mich einfach partout als jemand schlechten darstellen und es gibt keine Möglichkeit, das zu ändern. Am Morgen, als ich alleine in meinem gefängnisartigem Zimmer bin, bin ich ratlos. Was soll ich machen? Ich hab mich darauf verlassen, dass Maja ein Programm zusammenstellt, aber das können wir jetzt vergessen. Ich hab Sorgen, dass ich sie gar nicht mehr sehen werde und frage mich, wie es weitergehen soll, wenn ich wieder zurück bin. Ich brauche Ablenkung, denn mir kommen die Tränen bei dem Gedanken an die ganze Geschichte. Ich will wissen wie es ihr geht, aber ich kann es nicht erfahren. Ich brauche Ablenkung, damit ich nicht mehr daran denke, aber es gibt kaum eine Ablenkung, bei der ich nicht doch an sie denke. Dinge besichtigen, die wir schon zusammen gesehen haben? Keine Chance. Dinge, die wir noch ansehen wollten, alleine ansehen? Nein, ich würde nur daran denken, dass wir das gemeinsam machen wollten. Ein Internetcafé ist scheinbar die beste Idee und jetzt sitz ich hier und tippe das alles. Ich musste mit der Bahn fast bei ihr zu Hause vorbeifahren und sehe dauernd Dinge, irgendwelche Kleinigkeiten, die mich an sie erinnern. Es ist einfach grausam. Was soll ich machen, wenn sie mich nicht mal sehen kann, wenn ihr Vater arbeitet? Telefonieren lenkt ab, aber ich hab bestimmt schon um die 100 Euro vertelefoniert. Das Internetcafé ist nicht wirklich günstig, aber es lenkt gut ab und es lässt die Zeit vergehen. Wie wird es weitergehen, wenn ich sie wiedersehe? Ich weiß es nicht, es wird nichts lustiges, es wird bedrückend. Aber ich hoffe dennoch, sie noch sehen und mit ihr reden zu können. Und was wird, wenn wir uns gegenseitig aufgeben müssen? Das sind die Gedanken, die mir dauernd durch den Kopf schwirren. Wir sind so weit gekommen, obwohl wir wussten, dass es nicht einfach sein wird und dann hat jemand die Macht von außerhalb, das ganze kaputt zu machen... Oder wenn man es optimistischer sieht: das ganze komplizierter zu machen, als es ohnehin schon war. Das wars bis heute. Vielleicht kommt noch was dazu, das werdet ihr ja sehen. Am 4.1. kann ich abends wieder nach Hause und werde hier wohl noch ergänzen. Ich bereue nicht wirklich, dass ich nach Wien gekommen bin, ich wollte sie einfach persönlich kennen lernen und dennoch bin ich am Boden zerstört, dass es einfach so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Shit happens. Die Jugendherberge ist so, wie man sie sich vorstellt. Die Zimmer sind eng und klein. Man kommt sich vor, wie im Gefängnis. Die Betten sind ungemütlich und klein, die Matratzen steinhart. Das Frühstück ist auch nicht das Wahre: kleine Auswahl und trockene Brötchen. Wenigstens gibt es neben Kaffee und Tee (ich hasse beides) noch einen halbwegs erträglichen Kakao. Der Frühstückssaal ist dauernd stickig und mir vergeht der Appetit. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich dauernd befürchtet habe, dass ich wenig Zeit mit Maja verbringen würde. Ich sitze über eine Stunde an 2 Brötchen. Inzwischen nehm ich mir die Brötchen mit und ess sie woanders, dann sind sie halbwegs genießbar. Wenigstens hab ich eine Dusche auf dem Zimmer, das WC ist auf dem Gang. Und ich hatte keine unsympathischen Mitbewohner. Und ich kam nicht in den 24-bettigen Schlafsaal, wie man mir erst sagte, sondern konnte ein 3-Bett-Zimmer beziehen. Man darf schließlich nicht alles schlecht machen. Das wars dann zu allem. Wie gesagt, ich werde wohl bei Bedarf noch ergänzen. Wenn ihr noch irgendwelche Fragen habt, stellt sie ruhig, entweder beantworte ich sie dann hier bei den Kommentaren oder ich schreib woanders mit euch. Und bitte schreibt bei den Kommentaren rein, wenn ihr das hier alles gelesen habt, damit ich weiß, wer komplett auf dem neusten Stande ist. Grüße aus Wien, Rowe

05.01.2007 03:01 Direktlink / Kommentare (8) / Administration
 
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